Aus dem Leben einer Online Marketing Agentur. Zwischen Suchmaschinen, Berlin und Istanbul.

2007 war ein großes Jahr für das Zeitalter des Internets. Das iPhone war geboren, ebenso wie das Kindle & Android. Facebook und Twitter wurden globaler, Google erwarb YouTube, während in der Türkei YouTube und weitere Social Media Kanäle in den Folgejahren von Zeit zu Zeit gesperrt werden sollten.

2007 war auch das Jahr, in dem Kubix Digital von uns, vier ehemaligen Googlers AKA Xooglers, gegründet wurde. Ok, das timing war vielleicht nicht das beste für die Türkei, jedoch haben wir fest an das Potenzial dieses Marktes geglaubt. Jetzt sind mittlerweile 12 Jahre vergangen und Kubix Digital ist an zwei Orten in zwei verschiedenen Ländern vertreten.

Seit der Gründung von Kubix Digital 2007 haben wir verschiedenste Höhen und Tiefen als Agentur erlebt, inklusive nationale, regionale und globale Krisen. Dennoch haben wir den Kopf nicht hängen lassen und immer weiter gemacht, immer mit einem Lächeln und voller Optimismus. Und letztendlich auch sehr erfolgreich!

Im August 2017 haben wir uns nach 10 Jahren Agenturleben in Istanbul dazu entschlossen neben der türkischen Kubix Digital einen Counterpart in Form einer GmbH in Berlin zu gründen. Nach der Gründung hat es ein weiteres Jahr gedauert, bis wir das operative Geschäft der GmbH aufgenommen hatten. Anfang August 2018 ist die “Landing Crew” dann in Berlin angekommen und das Business der GmbH kam langsam ins Rollen.

Anlässlich unseres, aus operativer Sicht, 1-jährigem Jubiläums der deutschen Agentur möchte ich mit Euch gerne ein paar Einblicke teilen, wie wir als Unternehmen einerseits in der Türkei und andererseits in Deutschland arbeiten, welche Unterschiede und vielleicht Gemeinsamkeiten es gibt und wie diese sich auf unseren unternehmerischen Werdegang ausgewirkt haben und weiterhin auswirken – im positiven als auch im negativen Sinn. Mein Blog wird Euch teilweise zum Schmunzeln bringen, aber eventuell auch nachdenklich stimmen. Na ja, schauen wir mal. Ich wünsche Euch viel Spaß beim Lesen ;)

1. Vergütungseffizienz

Ein großer Unterschied zwischen Deutschland und der Türkei, liegt in der Genauigkeit, wie, was, wann abgerechnet bzw. vergütet wird. Ich fand es schon erstaunlich, dass ein kurzes Telefonat mit einem unserer Anwälte, dazu führte, dass auch dieses Telefonat, ich spreche hier von ca. 5 Minuten, vom Anwalt in der nächsten Honorarrechnung aufgelistet und abgerechnet wurde. Ich fand das schon erstaunlich und das ist mit Sicherheit etwas, woran ich mich nicht so schnell gewöhnen werde und ehrlich gesagt auch nicht gewöhnen möchte.

Unsere Agentur in der Türkei, arbeitet seit Jahren mit einer Anwaltskanzlei zusammen, jedoch ist mir so etwas mit der Kanzlei noch nie passiert. Denn eines ist mal sicher, so ein Aufwand würde nicht in Rechnung gestellt werden, das wäre etwas, was die Kanzlei nie in Erwägung ziehen würde. Ich möchte hier auch festhalten, dass ich davor schon mit anderen Kanzleien und Anwälten zu tun hatte und auch bei denen es nicht dazu kommen würde, dass hierfür eine Rechnung gestellt wird. Das Lustige an der ganzen Sache ist ja, dass das Telefonat deswegen entstanden ist, da ich seit längerem von dem Anwalt auf eine E-Mail von mir keine Antwort bekommen hatte und ich aus diesem Grund die Sekretärin um ein Telefonat gebeten hatte, da ich dringend Informationen brauchte. Daraufhin entstand das Telefonat, jedoch war ich derjenige, der dafür zahlen musste, aber eigentlich nichts dafür konnte: 5 min = 16 EUR, katsching! Ein Stundensatz mit dem man schon gut arbeiten kann. Das alles in Rechnung gestellt wird, ist nicht nur Usus bei Anwälten. Andere Dienstleister, sei es Steuerberater oder anderer Berater agieren in Deutschland auch so. Sogar das Weiterleiten von mir an einen anderen Dienstleister, wenn es ausschließlich darum geht eine Leistung von jemand anderem zu beziehen, was der jetzige Dienstleister in seinem Serviceportfolio nicht anbietet, kostet auch Geld, da Zeit investiert wird einen Kontakt herzustellen, sei es über das Telefon oder per E-Mail. Ich finde das schon ehrlich sehr krass, da ich in so einem Fall mir einfach kurz die Zeit nehmen würde, meinem Kunden einen „Gefallen“ zu tun. Ich bin der Meinung, dass man nicht alles, was man tut, mit Geld aufwiegen lassen muss. Einfach nur nett sein und ohne Gegenleistung etwas Gutes tun, sollte doch noch möglich sein, oder? Genau das habe ich meinem Berater, der mich weitergeleitet und das in Rechnung gestellt hat, am Telefon gesagt, also ihm näher gebracht, dass ich es anders gemacht hätte. Daraufhin kam mein Berater mit folgendem Beispiel:

„Guck mal Safak, ich habe am Tag, in der Woche und im Monat nur eine begrenzte Zeit, in der ich arbeiten kann. Diese Zeit muss ich effektiv nutzen. Das ist wie beim Treppen putzen. Ich werde danach entlohnt, wie viel Zeit ich fürs Treppen putzen brauche.“ Ich habe nichts gegen Putzen oder andere ehrenwerte Jobs, die von einem Menschen wirklich viel abverlangen, jedoch wusste ich bis dato nicht, dass der Stundensatz fürs Treppen Putzen bei 190 EUR liegt. O je!

Diese Art und Weise, Serviceleistungen in Rechnung zu stellen, ist in der Türkei unvorstellbar. Vielmehr kann ich dem nichts hinzufügen. SERVICEWÜSTE DEUTSCHLAND!

2. Experten Made in Germany

In Deutschland gibt es für alles Experten. Experten für dies, Experten für das, Experten für Ananas. Sobald etwas außerhalb des Expertenradius liegt, sagt Dein Dienstleister Dir, dass er nicht befugt ist, Dir diese Information zu geben bzw. Dich zu beraten, auch wenn es sich hierbei, um eine klitzekleine Beratung handelt, in dessen Inhalt er/sie sich eigentlich auch auskennt, jedoch partout nicht mit der Information rausrückt. Es wäre ja wirklich nichts Weltbewegendes mir einfach zu antworten, aber nein, so einfach geht das leider nicht. Die Intention, einfach nur schnell die Information zu bekommen, um abzuhaken und weiterzukommen, schlägt somit fehl.

Würde dieselbe Situation nicht in Deutschland, sondern in der Türkei passieren, hätte ich schon längst die Information bekommen, die ich gesucht hatte, denn der Bekannte, der vielleicht in dieser Sache nicht der „richtige“ Experte ist, hätte, ohne lange zu überlegen mir die Antwort gegeben. Warum denn auch nicht?! Zeit ist ja schließlich Geld siehe Punkt 1 :)

So, zurück zu Deutschland. Nachdem man in der Zwischenzeit Geld und Zeit verloren hat, beides Ressourcen, die in der Gründungsphase ein sehr knappes und wertvolles Gut sind, orientiert man sich in die Richtung, wohin man ja weitergeleitet wurde, also vom Nicht-Experten zum Experten, wo es „legitim“ ist die Information zu bekommen, auf die ich ja seit längerem gewartet habe.

3. Faktor: Zeit

Was ist passiert? Den ersten Kontakt zum potenziell neuen Dienstleister wollte ich nicht zu direkt entstehen lassen, sodass ich den Kontakt per Mail, anstatt eines Telefonats, bevorzugt hatte. Nachdem ich die Mail verfasst und abgeschickt hatte, ist erstmal Zeit vergangen, viel Zeit. Anschließend verging noch mehr Zeit, auf die Du dann eine weitere Schippe verstrichene Zeit darauf tun konntest. Nachdem sich weiterhin nichts getan hat, habe ich mich letztendlich dazu entschieden eine follow-up E-Mail zu schreiben, um nachzuhaken und zu fragen, was nun ist und die bitte geäußert mir doch bitte vor Weihnachten zu antworten, da ja schon fast 1 Monat vergangen war. Aus der Bitte wurde leider nichts und so stand ich weiterhin da, mit leeren Händen und der Gewissheit, dass ich dieses Jahr nicht mehr mit einer Stellungnahme zu rechnen brauchte. Jedenfalls, um nicht weiter im Detail stecken zu bleiben, möchte ich kurz mitteilen, dass die ganze Thematik, die ich versucht hatte zu erörtern in Bezug auf Selbstständigkeit, Angestellter sein, Anstellungsverträge, Sozialabgaben, Steuerklasse, Krankenkasse privat, gesetzlich, pflicht- oder doch nicht pflichtversichert sein, Statusfeststellungsantrag und so weiter und so fort, sich dermaßen in die Länge gezogen hatte, dass ich beizeiten schon sehr nah dran war zu verzweifeln. Dieser ganze Prozess verlief über einen Zeitraum von mehr als 5 Monaten. Jedes Mal war ich derjenige, der aktiv war und die andere Seite eher reaktiv. Ich musste mir die ganze Zeit anhören, warum man mir nicht antworten konnte. Die Gründe waren Weihnachten, Silvester, Neujahr, viel Arbeit, Krankheit und Karneval. Ja genau, Du hast gerade richtig gelesen, Karneval. Als ich das gehört habe, war bei mir der Ofen aus. Die 5. Jahreszeit als Grund aufzuführen, dass man seinen Mandanten vernachlässigt hat. Ich mag ja vielleicht als gebürtiger Hannoveraner, als Mensch des Nordens, mit einem eher distanzierten Ansatz an die ganze Karnevalsgeschichte herangehen, jedoch mit dieser Aussage, wurde aus meiner Sicht, ganz klar der Bock geschossen. So etwas habe ich in meinem Leben noch nicht gehört und ich versuche mir gerade vorzustellen, wie eine vergleichbare Situation in der Türkei hätte aussehen können? Was müsste mir jemand als Grund sagen, welches vergleichbar zum Karneval ist? Mir fällt dazu einfach nichts ein. Das ist so heftig, dass es mich einfach sprachlos macht. Während ich das schreibe, bin ich gleichzeitig am Kopfschütteln und Du kannst Dir sicher sein, dass, wenn ich diesen Part des Blogs nicht im Büro, sondern zu Hause geschrieben hätte, der Weg zum Kühlschrank und der Griff zum Bier wahrscheinlich die Resultierende gewesen wäre. Prost! ;)

Was nun? Ehe man sich verguckt hatte, war das 1. Quartal des neuen Jahres schon vorüber. Dieses Arbeits-Schneckentempo war ich nicht gewohnt, so langsam zu agieren, kannte ich bis dato nicht. Turnaround-Zeiten von mehreren Tagen bzw. Wochen habe ich in meinem Leben noch nicht erlebt. Meine fast 12 Jahre in Istanbul, sei es mit türkischen als auch mit ausländischen Kunden, haben mich da wohl doch anders geprägt. Bei uns liegen bis heute die Turnaround-Zeiten, um dem Kunden und/oder einen potenziellen Kunden zu antworten bei weniger als 24 Stunden, egal was ist. Das geht bei uns zack, zack, zack. Seit unserer Firmengründung in Berlin geht alles jedoch langsam, seeehr langsaaam voran.

Dieses Tempo erinnert mich ein bisschen an die Szene bei dem Disney-Film Zoomania, da wo die Hauptcharaktere Fuchs Nick Wilde und Häschen Judy Hopps versuchen in der Führerscheinstelle den Halter eines bestimmten Autos ausfindig zu machen und das sachbearbeitende Faultier namens „Flash“ alles in Zeitlupe macht und somit die beiden fast zur Verzweiflung bringt.

Genau diese Szene erlebe ich in Deutschland, meistens in einer Endlosschleife.

Ein Angestellter einer Dienstleistungsfirma aus Deutschland, mit der wir zusammenarbeiten, war über meine schnelle Arbeitsweise so erstaunt, dass er eines Tages am Telefon zu mir gesagt hatte, dass er es absolut verblüffend findet, wie schnell ich auf seine Mails und die Mails seiner Kolleginnen und Kollegen reagiere. So muss das auch sein, hatte ich ihm daraufhin geantwortet. Es muss ja nicht vielleicht so schnell reagiert und geantwortet werden wie ich es tue, wie ich es seit 11 Jahren in der Türkei und das letzte ¾ Jahr in Deutschland mache. Vielleicht hat es ja auch seine Vorteile, sich ein bisschen mehr Zeit zu nehmen, um dementsprechend zu antworten. Aber seinen Kunden, in dem Fall mich, eine längere Zeit mit Null-Kommunikation im Dunkeln stehenzulassen, ist ein absolutes No-Go! Das ist nicht die feine Art und das ist mir hier in Deutschland in letzter Zeit zu oft passiert. Nicht nur, dass es Kommunikationsschwierigkeiten per E-Mail gibt, es ist sehr schwierig mit den Leuten auch auf anderem Wege Kontakt zu haben. Die Leute sind irgendwie unnahbar. Ich kann beispielsweise die Bankangestellte, die in Istanbul für unsere Firmenkonten zuständig ist, direkt anrufen: jetzt haltet Euch fest, direkt auf ihrem persönlichen Mobiltelefon. Wenn sie mal nicht ans Telefon gehen kann, dann habe ich sogar die Möglichkeit, ihr über WhatsApp zu schreiben. Für einige von Euch mag es sehr krass klingen, aber in unserer schnelllebigen Welt ist das beizeiten die beste Kommunikationsvariante, um effektiv voranzukommen. Ich versuche mir gerade vorzustellen, dass der Kundenbetreuer von Kubix Digital Deutschland in unserer Deutschen Bank Filiale seine Handynummer teilt. Unvorstellbar! Die Kollegen haben noch nicht einmal eine direkte Telefonnummer, die gewählt werden kann. Es läuft alles schön über das Servicecenter, wo ein Serviceberater, meistens nach einer gewissen Warteschleifenzeit, sich irgendwann Deiner annimmt. Und jetzt folgenden Frage: Wie ist die Situation in Deutschland an einem Freitagnachmittag zu bewerten? Da kann ich nur sagen, viel Spaß beim Versuch jemanden zu erreichen.

4. Banken, Finanzen, Zahlungssysteme und alles was mit Geld zu tun hat

Apropos Banken. Was ich der Türkei auch zugutehalten muss, ist ja das super Bankensystem. Überall in den Städten sind Filialen aller in der Türkei ansässigen Banken bzw. deren Geldautomaten. Man kann seit Jahren mit seiner Plastikkarte, sei es Bank- oder Kreditkarte, überall bezahlen, egal wo und egal wie groß der Geldwert ist. Ich habe schon auf der Tankstelle eine Packung Kaugummis mit meiner Kreditkarte gekauft, Sachen auf dem Flohmarkt gekauft, wo der Verkäufer unter dem Tresen eine POS-Maschine hervorzauberte. So, und jetzt haltet Euch fest, beim Bäcker bekommst Du Brot und Brötchen auch bei Vorlage Deiner Plastikkarte. In Skandinavien ist das bargeldlose Zahlen so weit vorangeschritten, dass Kinder Geldscheine und Münzen. gar nicht mehr kennen.Da staunst Du was!?

Momentan in Berlin wirbt Steinecke an seinen Filialtüren mit blauen Aufklebern, mit der Message , dass man jetzt hier auch bargeldlos bezahlen kann. WOOOOW, wir schreiben das Jahr 2019 und in Deutschland kann man jetzt auch bargeldlos bei einer Bäckereikette bezahlen. Krass! Ich frage mich trotzdem, wie viel Jahre es dauern wird, bis man überall bargeldlos zahlen kann. Wir bleiben einfach mal optimistisch.

Bezüglich Zeit und Effizienz ist das Online-Bankensystem in der Türkei sehr hilfreich und extrem weit vorangeschritten. Nicht nur, dass ich als Privatkunde einer Bank so viele verschiedene Sachen im Bereich Online-Banking machen kann, auch als Geschäftskunde hat man verschiedenste Möglichkeiten Sachen über die Online-Bank abzuwickeln, da die Banken Schnittstellen zu verschiedensten Organisationen haben. Man kann über die Bank online Strafzettel bezahlen, die das Ordnungsamt verhängt hat, indem man das amtliche Kennzeichen des Pkws eingibt und sieht, ob eine Bußgeldzahlung vorhanden ist. Man kann über das Onlinebanking ersehen wie hoch die zu zahlenden KFZ-Steuer ist und diese direkt bezahlen. Des Weiteren hat man die Möglichkeit alle Schulden, die man beispielsweise gegenüber dem Finanzamt hat, über das Onlinebanking zu ersehen und diese per Mausklick ganz einfach zu zahlen. Dasselbe gilt auch für Deine Kammer, die Du angehörst. Der Istanbul Handelskammer kann ich direkt unsere Mitgliedsgebühren zahlen, sei es halbjährig oder ganzjährig. Auch hier, ganz einfach über das Onlinebanking, ohne Angabe von Aktenzeichen, Mitgliedsnummer, Betrag, Verwendungszweck etc.. da, wie gesagt, Deine Bank eine Schnittstelle zwischen der Kammer und Deinem Firmenkonto hergestellt hat, gehen alle Zahlungen nur mit einem Klick vonstatten. Unternehmen haben auch die Möglichkeit beispielsweise ihre Sozialabgaben problemlos Online bezahlen zu können. Auch hier kann man sehen, ob es Zahlungen bzw. Beiträge gibt, die man begleichen muss oder evtl. keine Forderungen bestehen.

Bei meiner Bank in Berlin habe ich nicht die Möglichkeit so schnell und effizient allen Forderungen und Zahlungen nachzukommen, da die Bank eben diese Schnittstellen nicht hat. Dafür gibt es sehr viel Schriftverkehr. Ich kann mir sehr gut vorstellen, dass Deutschland Weltmeister im Briefe verschicken ist. Es wird alles mit Briefen kommuniziert und es fällt mir manchmal sehr schwer alle Briefe zu koordinieren, zu beantworten und in Ordnern zu kategorisieren. So viel berufliche Briefe, die ich in den letzten Monaten in unserer deutschen Agentur bekommen habe, habe ich in den letzten Jahren in unserem Unternehmen in der Türkei nicht bekommen. Ganz ehrlich!

5. Geht nicht gibt’s nicht!

Privatsphäre und off-time ist für mich auch sehr wichtig, jedoch sollten während der Arbeitszeiten alle Kommunikationskanäle offen sein, um voranzukommen, ansonsten zieht sich alles extrem in die Länge. Zum Teil habe ich das Gefühl, dass man sich in Deutschland hinter der Privatsphäre auch ein bisschen versteckt. Die Menschen benutzen das als Vorwand, um sich immer schön in ihrer Komfortzone aufzuhalten. Wie gesagt, das ist wirklich nur meine eigene Meinung und lass das mal so im Raum stehen. Jeder soll sich seine eigenen Gedanken hierzu machen.

So, jetzt mal eine kurze Frage: Kann sich jemand noch an die Blackberry-Zeiten erinnern? 2011 war VW in den Medien, weil der Konzern seine Beschäftigten künftig nach Feierabend mit E-Mails in Ruhe lassen wollte. Eine halbe Stunde nach Arbeitsende wurden die Weiterleitungen vom E-Mail-Server auf die Blackberry-Handys der Beschäftigten abgeschaltet und erst am nächsten Tag, eine halbe Stunde vor Arbeitsbeginn, wurden die Server wieder eingeschaltet. Das war eine Regelung, die damals der VW-Betriebsrat durchgesetzt hatte. So eine Regelung finde ich absolut in Ordnung. Nicht nur das es in der Türkei leider nicht so viele Organe gibt, die die Rechte der Arbeitnehmer im Ganzen so schützen, wie es in Deutschland der Fall ist, ich kann mir beim besten Willen auch nicht vorstellen, als Agentur in Istanbul seinem türkischen Kunden vor den Kopf zu stoßen und ihm sagen, hey Kunde, melde Dich bitte nicht nach Feierabend bei mir und am Wochenende schon gar nicht. So etwas geht nicht in der Türkei. Absolut undenkbar. Denn der Kunde sieht die Redewendung „Kunde ist König“ nicht nur als Redewendung, der türkische Kunde lebt diese Redewendung meistens wirklich aus! Um sich nicht so einen Fehler zu erlauben, geht man als Agentur brav ans Telefon bzw. beantwortet relativ zeitnah wichtige E-Mails, ansonsten kann es durchaus sein, dass der Kunde in naher Zukunft nicht mehr Dein Kunde sein wird.

So, wie der „ich kommuniziere nur das Minimum – Ansatz“ in Deutschland nicht der richtige ist, finde ich in der Türkei den „Kunde sagt spring, Agentur fragt wie hoch-Ansatz“ auch richtig fehl am Platz. Eine Mischung aus Beidem wäre die richtige Würze, die mir so eigentlich am besten schmecken würde. Wer weiß, vielleicht wird es irgendwann dazu kommen!

6. Deutsche Tugenden und Türkische Flexibilität

Ich liebe ja eigentlich die deutsche Arbeitsweise, basierend auf den deutschen Tugenden. Ist schon eine tolle Sache pünktlich, fleißig und ordentlich zu sein, jedoch können diese Tugenden manchmal auch ein bisschen zum Hindernis werden. Um Tag für Tag die Effizienz auf einem hohen Niveau zu halten, sind diese Tugenden natürlich hilfreich. Alles ist gut geplant und extrem eng getaktet, jedoch erlaubt es demjenigen nicht viel Spielraum, wenn mal etwas anderes ansteht bzw. etwas Außerplanmäßiges passiert.

Wenn dann in so einem Moment ein Spezi wie ich um die Ecke kommt, der etwas in Erfahrung bringen muss, oder einfach nur schnell helfen möchte, um eine gewisse Problematik zu lösen, dann kann die ganze Situation ein bisschen aus dem Ruder geraten. In solch einer Situation sind meine lieben Kollegen in Deutschland manchmal schnell überfordert, denn diese Art von schneller Reaktion, Flexibilität, Spontanität ist nicht ganz jedermanns Sache. Da kommt bei den Herrschaften sofort folgender Gedanke……… MOOOOOMENT! Jetzt mal langsam. So geht das aber nicht. Dann kann es durchaus mal sein, dass die Gegenseite ein bisschen patzig reagieren kann und dann passiert so etwas: „Also Herr Ebcinoglu, eigentlich sind wir ja momentan voll ausgebucht mit Kunden und haben Kapazitätsprobleme. Wenn Sie nicht über Bekannte an uns weitergeleitet worden wären, dann hätten wir Sie als Kunden nicht aufgenommen!“ Ja genau, dieser Brocken wurde mir zugeworfen. Da musste ich erstmal kräftig schlucken. Die eigentliche Nachricht in dieser Aussage war „friss oder stirb”! Entweder bist Du mit dem zufrieden, was Du geboten bekommst, oder Du suchst Dir einen anderen Dienstleister! Ich sage nur „Hochmut kommt vor dem Fall“.

Momentan können sich Unternehmen in Deutschland diese Art und Weise, wie mit Kunden umgegangen wird, vielleicht noch erlauben, obwohl ich so eine Patzigkeit definitiv nicht für gutheiße, jedoch kann die noch weiterhin starke Wirtschaft in Deutschland schneller schwinden, als man denkt. Ich weiß noch ganz genau, wie es war, wo alles andere als fast Vollbeschäftigung in Deutschland geherrscht hatte. 2004, als ich einen sehr guten Uniabschluss in Hannover gemacht hatte, sah die wirtschaftliche Situation ganz anders aus. Hohe Arbeitslosigkeit, geringe bis keine Beschäftigungsmöglichkeiten führten dazu, dass ich damals mein Glück im Ausland gesucht hatte und deswegen nach Irland ausgewandert bin. Irland war der „Celtic Tiger“, also keltischer Tiger, als Analogie zu den Tigerstaaten Südostasiens, eine im wirtschaftlichen Aufschwung befindliche Insel mitten in der EU. Ein Land im Aufschwung, wo globale Unternehmen, wie Dell, IBM und Oracle sehr früh ihre europäischen Hauptsitze aufbauten. Anfang der 2000er kam Google dazu, wo ich dann auch angefangen hatte zu arbeiten. Das Land wuchs wirtschaftlich und auch die Bevölkerungszahlen zogen an. Viele Ausländer vor allem aus Kontinentaleuropa fanden hier eine neue Heimat. Das Wachstum Irlands war schier ungebremst. Menschen wurden reicher, mehr Kredite wurden aufgenommen, es wurde extrem viel gebaut, die Immobilienpreise stiegen an, Spekulationen bekamen Aufwind, was anschließend 2007 zu einer Immobilienblase führte. Die Weltwirtschaft stieß in eine Krise, losgetreten von einer globalen Immobilienkrise, die sich anschließend in eine globale Finanzkrise verwandelte. Bevor ich weiter ausschweife und noch mehr über Krisen und die wunderbare Grüne Insel und deren liebe Menschen schreibe, zurück nach Deutschland. Ach ja, was ich eigentlich sagen wollte, ist eigentlich ganz einfach: Der Tag kann schneller kommen, als man denkt, wo alles nicht mehr so rund laufen kann, wie es momentan noch der Fall ist. Spätestens dann sollte man es sich 2x überlegen, wie man mit Kunden umgeht. Also Obacht!

7. Kundengewinnung

Einen weiteren Unterschied zum Agenturleben in der Türkei und Deutschland gibt es in den Sales-Cyclen. Wenn es nicht zu irgendwelchen speziellen Verzögerungen kommt und man von normalen Umständen ausgeht, dann kann man schon tendenziell sagen, dass deutsche Unternehmen länger brauchen, um Dir den Zuschlag zu geben, wenn es um eine neue Zusammenarbeit mit einer aus Ihrer Sicht nicht bekannten Agentur geht. Es wird sehr viel gefragt, hinterfragt, versucht zu erörtern, versucht zu verstehen. Eine auf Vertrauen basierende Beziehung entwickelt sich nur langsam. Ist das Vertrauen jedoch erst einmal da, dann kommt es sehr oft dazu, dass der Kunde sehr lange nicht von der Seite der Agentur weicht. Es entsteht eine längerfristige Beziehung.

In der Türkei geht alles viel schneller und lebendiger vonstatten. So eher ‚Holta di Polta‘. Man fängt schneller an miteinander zu arbeiten, Verträge werden schneller geschlossen bzw. Details im Nachhinein besprochen. Sobald die wichtigsten Rahmenbedingungen zwischen Agentur und dem Kunden besprochen sind, geht es in der Türkei meistens sehr schnell voran, denn der Kunde ist gespannt, inwiefern sich unsere Dienstleistung in der digitalen Performance seines Unternehmens niederschlägt. Da macht es nicht so viel aus, wenn der Vertrag zwischen Agentur und dem Unternehmen noch nicht unterschriftsreif ist und man Details, die das Anfangen der Arbeit in Verzug bringen könnten, im Nachhinein bespricht bzw. versucht zu lösen. Das kann dazu führen kann, dass durch die Aufbruchsstimmung entstandene anfänglich positive Klima, sich sehr schnell ändern kann, da Punkte in der Zusammenarbeit, die man vielleicht am Anfang hätte lösen sollen, jetzt auf die Agenda gebracht werden und es schwierig ist, diese Probleme einfach zu lösen. Dadurch, dass man weniger Zeit im Vorfeld investiert hat, versucht man im Nachhinein die Störfaktoren auszumerzen, was die Arbeit zwischen Kunden und Agentur leider erschwert und man schnell den Fokus verlieren kann. Es kann sogar durchaus dazu kommen, dass die Probleme so gravierend sind, dass eine Lösung eher unmöglich erscheint und eine Zusammenarbeit nicht mehr möglich ist, was somit zu einer Annullierung des Vertrags führen kann. Zum Glück ist es bei uns zu so einer Situation bis heute nicht gekommen.

In Deutschland wird der Vertrag erst einmal aufgesetzt und in allen Punkten genauestens besprochen. Jeder Punkt, jedes Komma, jeder Paragraf und jeder Absatz wird genauestens analysiert. Bevor unterschrieben wird, kann es durchaus sein, dass viele Monate vergehen. Bevor der Vertrag nicht umfassend ausformuliert ist, kommt eine Vertragsunterzeichnung nicht zustande, egal wie viel Zeit in der Zwischenzeit vergangen ist bzw. noch verstreichen wird.

Natürlich darf man nicht pauschalisieren und davon ausgehen, dass so etwas dauernd passiert und in Deutschland bzw. in der Türkei die Beziehungen vom 1. Kontakt, über die Verhandlungen, Vertragsunterzeichnung, Projektstart und Dauer exakt so ablaufen, wie von mir geschildert, jedoch kann so etwas tendenziell oftmals passieren.

Aus meiner Sicht wäre folgende Kundensituation ideal: Ich würde mir einen genaueren Ansatz, wie es bei deutschen Unternehmen der Fall ist, wünschen, jedoch in Kombination mit einer schnelleren Reaktionszeit und einer sich schneller entwickelnden Vertrauensbasis, so wie es eher in der Türkei ist.

8. Nur der frühe Vogel fängt den Wurm

In Deutschland geht das tägliche Arbeitsleben generell früher los, als es in der Türkei der Fall ist, ganz nach dem Motto „nur der frühe Vogel fängt den Wurm“. Vergleicht man die Städte Istanbul und Berlin aus verkehrstechnischer Sicht miteinander, spricht natürlich sehr viel für Berlin und die Chancen stehen um einiges besser, dass man früh bzw. rechtzeitig auf der Arbeit ankommt. Und das allerwichtigste in diesem Zusammenhang ist, dass man dies relativ entspannt tut.

In Istanbul ist das leider nicht ganz der Fall. Ich habe mal gehört, dass Jakarta und Istanbul das schlimmste Verkehrsaufkommen auf der Welt haben. Eine aktuelle Studie besagt jedoch, dass die beiden Chaos-Städte neuerdings durch Kolumbiens Hauptstadt Bogota abgelöst wurden.

Stehender Verkehr auf der ersten Bosporus-Brücke in Istanbul
Stehender Verkehr auf der ersten Bosporus-Brücke in Istanbul
Stehender Verkehr auf der ersten Bosporus-Brücke in Istanbul

Da der Berufsverkehr einiges abverlangt und die Arbeitstätigen täglich diesen Strapazen ausgesetzt sind, ist schon einiges an Tagesenergie, bevor es überhaupt mit der Arbeit losgeht, verbraucht. Diese Situation wirkt sich leider negativ auf die Effizienz aus. Die Mitarbeiter sind genervt, strapaziert und mental nicht auf der Höhe, um die Leistungen abzurufen, die sie eigentlich abrufen könnten, wenn eine gewisse innere Balance bestehen würde. Das führt leider sehr oft dazu, dass das Tagespensum der Kolleginnen und Kollegen nur dementsprechend ist. Es wird sehr oft nur das Nötigste gemacht und man kann den Mitarbeitern es leider auch nicht übelnehmen, dass sie über ihre gewöhnliche Performance nicht hinauswachsen können.

So kommt es leider dazu, dass über die Tage, Wochen und Monate hinweg, die Menschen leider weniger produktiv sind, als sie sein könnten. Deswegen ist es in der Türkei sehr gängig, dass Unternehmen versuchen diese Ineffizienz mit Überstunden zu kompensieren, jedoch ist dieser Ansatz meiner Meinung nach genau der Falsche, da mittel- und langfristig, die Mitarbeiter noch gestresster, demotivierter und ineffizienter sein werden. Davon auszugehen, dass die Mitarbeiter bei Überstunden, das abarbeiten, was sie tagsüber versäumt haben, ist leider ein absoluter Trugschluss.

Erschöpfung am Arbeitsplatz
Erschöpfung am Arbeitsplatz
Erschöpfte Mitarbeiter

Vorgesetzte, die so etwas von Ihren Mitarbeitern verlangen, scheren sich wirklich nicht viel darum, ob die Mitarbeiter vielleicht auch ein Privatleben haben. In unserem 12-jährigen Firmenbestehen, haben wir vom 1. Tag an angefangen keine Überstunden zu machen. Bei Bewerbungsgesprächen, als es darum ging, Kandidaten unsere Unternehmensphilosophie näherzubringen, haben diese schon mal nachgehakt, um genau in Erfahrung zu bringen, ob wir das wirklich ernst meinen, dass wir auf Work-Life-Balance achten, und wir Überstunden nicht gutheißen und aus diesem Grund auch nicht dulden.

Wenn es um Arbeit geht, kann ich nur sagen, dass wir als Unternehmen immer sehr viel zu tun haben, sodass man theoretisch 24 Stunden arbeiten könnte, jedoch es in keines Menschen Interesse ist, nur zu arbeiten, ohne einen Ausgleich zu haben und nicht die Möglichkeit geboten wird sich zu regenerieren.

In Berlin kommen Angestellte pünktlich, früh, den Umständen entsprechend relativ entspannt zur Arbeit. Mit Elan und Energie geht es an die Arbeit. Mit dieser Einstellung liegen die Chancen um einiges höher, dass der Tages-Workload auf hohem Level abgearbeitet werden kann. Die Angestellten sind konzentrierter, effektiver und schneller mit Ihrer Arbeit. Da früh angefangen wird, machen Angestellte auch eher Feierabend, um noch von dem Rest des Tages etwas zu haben. Neben der Mittagspause, die fürs Essen und entspannen benutzt wird, gibt es Viele, die auch zum Sport gehen oder private Erledigungen machen. Basierend auf meinen Beobachtungen kann man generell sagen, dass der Arbeitstag in Deutschland viel entspannter und koordinierter verläuft, als es in der Türkei der Fall ist. Dieses ist meine Meinung nach auch auf das private Leben zurückzuführen. Deutsche haben ein geregeltes Leben, gehen Ihren Hobbys nach, machen viel Sport, gehen abends viel früher schlafen. Bei den Türken ist auch das Privatleben meistens chaotischer, sodass sich das auch auf das Arbeitsleben auswirkt.

9. Gesund Essen

Zum individuellen Wohlbefinden trägt natürlich auch eine ausgeglichene Nahrung bei. Mir ist aufgefallen, dass die Leute in Deutschland gesünder essen, als es in der Türkei der Fall ist. Zum Frühstück gibt es oft Müsli, Joghurt und Früchte. Zu Mittag wird auch gesünder gegessen. Es wird verstärkt Essen von zu Hause mitgebracht, viel Gemüse, Salat, wenig Fleisch und wenig Kohlenhydrate.


Joghurt mit Früchten
Joghurt mit Früchten
Joghurt mit Früchten

In der Türkei ist es sehr oft so, dass schon am Morgen kohlenhydrathaltiges Essen, in Form von gefüllten Teigtaschen mit Käse, Spinat und Hackfleisch und die berühmten türkischen Sesamringe gegessen werden. Das liegt schwer im Magen und trägt leider nicht sonderlich dazu bei, dass die Menschen sich vitaler fühlen. Zu Mittag wird meistens schwerer gegessen, als es in Deutschland der Fall ist. Neben Börek, Lahmacun und Döner wird zwar auch Essen mit Gemüse verzehrt, jedoch wird in der Türkei zum Essen, sei es Suppe oder Hauptgericht, sehr viel Brot, vor allem Weißbrot gegessen.

Döner
Döner
Bester Döner Istanbuls

Primär geht es vielen Menschen darum satt zu werden. Das führt dazu, dass mit Völlegefühl Müdigkeit einsetzt und der Nachmittag weniger produktiv vonstattengeht, als der schon schwierige und wenig effektive Vormittag, nach all den Strapazen im Verkehr.

Bei unserer Agentur in der Türkei haben wir Essenskarten für unsere Mitarbeiter und alle gehen mittags draußen warm essen. Ich habe selten gesehen, dass jemand sein Essen von zu Hause mitbringt.

10. ÖPNV vs. alles andere als ÖPNV

In Istanbul erwartet die Mitarbeiter nach dem morgendlichen Anreiseverkehr ins Büro zum Feierabend der Istanbuler Abendverkehr. Auch abends haben viele Erwerbstätige einen vom Zeitaufwand her längeren Nachhauseweg. Wenn Pendler zu den Glücklicheren gehören und nicht eines der Brücken über den Bosporus benutzen müssen, um von der europäischen auf die asiatische Seite der Stadt zu gelangen bzw. genau umgekehrt, dann müssen diese trotz alldem mit Millionen von Menschen gleichzeitig am Istanbuler Feierabend teilnehmen. Um sich diese Massen besser vorstellen zu können, wie diese aus den Gebäuden herausgehen, sich an den Bushaltestellen ballen bzw. in Scharen in den Untergrund zu den Metrostationen begeben, kann man das Beispiel von Konzerten und Sportveranstaltungen heranziehen. Genau bei solchen Events kommt es zu geballten Menschenmassen, vor allem, wenn das Stadion oder die Veranstaltungshalle verlassen wird. Solche Ausnahmesituationen erleben wir in Deutschland von Zeit zu Zeit. In Istanbul ist das Alltag. Es kann durchaus sein, dass Erwerbstätige zwei bis vier Stunden jeden Tag im Verkehr verbringen, um von ihrem Zuhause zur Arbeit und wieder zurückzugelangen und das Tag für Tag. So bleiben den meisten Menschen nicht mehr viel Zeit, um evtl. einzukaufen, Essen zu machen und Sachen privater Natur nachzugehen, geschweige denn sich die Zeit zu nehmen, um sich zu regenerieren bzw. zu erholen. Dieses Tagestempo erleben die Menschen täglich, mindestens fünf Tage die Woche. Bei vielen Jobs ist es sogar üblich, dass sechs Tage die Woche gearbeitet wird. So ungefähr muss man sich das Arbeitsleben im Großstadtdschungel Istanbul vorstellen. Wie soll man dann bitte von Mitarbeitern vollste Konzentration bzw. Effizienz verlangen? Das ist schlichtweg unmöglich!

Über folgendes muss ich immer schmunzeln, wenn sich in Berlin Lebende darüber unterhalten, dass Berlin zu groß sei und es aus allen Nähten platzt und dass der Verkehr so heftig ist. Die Menschen regen sich darüber auf, wenn die U-Bahn 3 Minuten Verspätung hat, oder eine Rolltreppe mal nicht funktioniert. In solchen Situationen weiß ich wirklich nicht, was ich sagen soll und denke nur ‚Absolutes Luxusproblem‘! Die Leute wissen nicht ansatzweise, was Menschenmassen sind, wie ein kollabierendes Verkehrssystem, was mit System eigentlich gar nichts mehr zu tun hat, aussehen kann, wenn wirklich in der ‚Rush-Hour‘, wie am Beispiel Istanbuls, nichts mehr, aber auch gar nichts mehr geht.

Seit Jahren fahre ich in Istanbul Auto. Da der ÖPNV dort nicht so ausgebaut ist wie in Berlin, sind Alternativen zum Auto eher wenig, vor allem wenn man im suburbanen Raum der Stadt wohnt und täglich in die Innenstadt pendeln muss. Ich wohne in einem Vorort von Istanbul und arbeite in Maslak, im Business-Distrikt auf der europäischen Seite Istanbuls. Von der Entfernung her vergleichbar wie Spandau - Berlin Zentrum. Aus Spandau kann ich ohne Auto mit dem Regio problemlos nach Berlin fahren. Die gesamte Fahrt bis ins Zentrum dauert maximal 30 Minuten. Aus Göktürk funktioniert das nicht so einfach. Hier gibt es nur Busse, die leider dieselben Straßen wie die Autos benutzen, sodass Busfahren nicht schneller ist. In Berlin fahre ich mit dem Fahrrad zur Arbeit. Gut, ich muss zugeben, dass ich in Mitte wohne und meine Arbeit auch im Zentrum liegt, welches die Distanz reduziert und das Radfahren noch entspannter macht, als es eh schon ist. Ich habe Bekannte, die zwar weiter außerhalb von Berlin Mitte wohnen, aber trotzdem, so wie ich, tagtäglich das Fahrrad benutzen. Es gibt auch schlichtweg vielmehr Alternativen.

Fahrradfahrer an einer Berliner Straßenkreuzung
Fahrradfahrer an einer Berliner Straßenkreuzung
Fahrradfahrer an einer Berliner Straßenkreuzung

Abgesehen vom Auto gibt es neben dem Fahrrad die Möglichkeit den Bus, die U-Bahn, die Tram und die S-Bahn zu benutzen. Wem diese Alternativen nicht ausreichen, der kann auch auf andere Mobilitätslösungen zurückgreifen. In Berlin gibt es verschiedenste Anbieter, die diesen neuen Mobilitätshype für sich nutzen möchten und trendige Mobilitätslösungen anbieten. Im Stadtbereich von Berlin kann man fast an jeder Straßenecke mit nur ein paar Klicks auf seinem Smartphone auf E-Scooter, E-Roller, Fahrräder, Pedelecs, E-Fahrräder, E-Motorräder, E-Autos, Mietwagen zurückgreifen.

eScooter Berlin
eScooter Berlin
eScooter Berlin

All diese Fahrmöglichkeiten können zu jederzeit über das Mobiltelefon angemietet werden und Du kannst Dir sicher sein, dass viele Menschen genau das tun. Das heutige Stadtbild Berlins wird durch diesen neuen, urbanen Mobilitätslifestyle stark geprägt. Um von A nach B stressfrei zu gelangen, ist man in Berlin viel flexibler und hat eine Vielzahl von Optionen, als es in Istanbul der Fall ist.

Uber Jump Pedelec, Mobike Fahrrad und Lime E-Scooter auf Berlins Straßen
Uber Jump Pedelec, Mobike Fahrrad und Lime E-Scooter auf Berlins Straßen
Uber Jump Pedelec, Mobike Fahrrad und Lime E-Scooter auf Berlins Straßen

Ein weiteres Indiz, dass Mobilität in Berlin fortgeschrittener ist als in der Türkei, ist die Möglichkeit des Leasings. Ihr fragt Euch jetzt bestimmt, wie? Kann man aus beruflichen Zwecken in Istanbul keine Pkws leasen? Pkws schon, aber keine Elektro-Fahrräder. Ich bin erst vor ein paar Tagen, während ich mir auf Instagram Fotos angeschaut hatte, auf die Werbung einer Firma aus Regensburg gestoßen. Neben einer 0 % Finanzierung der etwas teuren e-Bikes, Startpreise ab 5.499 EUR, ist Dienstrad-Leasing möglich. Nachdem ich nun gelernt habe, dass es so etwas wie Dienstrad-Leasing gibt, habe ich auf Google eine kleine Recherche betrieben und tatsächlich gibt es einige Anbieter, die Diensträder und Elektro-Diensträder im Leasing anbieten.

11. Wenn man untergeht, dann mit Stil!

Nehmen wir mal an, der ÖPNV in Istanbul wäre gut ausgebaut und man kann relativ problemlos von A nach B, wie in Berlin gelangen, dann heißt das nicht automatisch, dass man den ÖPNV wirklich auch nutzt. In Istanbul ist es leider so, dass, wenn Menschen mit Bus und Bahn fahren man davon ausgeht, dass sich diese Personen kein Auto leisten können. Das Auto ist in der Türkei definitiv ein Statussymbol. Die Leute akzeptieren es eher, wenn man ein Auto fährt, stundenlang im Stau steckt, anstatt den ÖPNV nutzt, weniger die Umwelt belastet und vielleicht sogar schneller von A nach B kommt. In der Anfangsphase unseres Unternehmens in Istanbul, habe ich einem langjährigen Freund aus Istanbul mal erzählt, dass wir manchmal mit der Metro zum Kunden fahren, wenn die Verbindung gut ist. Mein Freund hatte mich verwundert angeschaut und befand sich für ein paar Sekunden in einem Schockzustand, woraufhin ich ihn natürlich gefragt hatte, was mit ihm los ist. Er sagte zu mir allen Ernstes: “Safak, tue mir bitte ein gefallen und sag so etwas bitte nie wieder. Mir kannst Du das ja ruhig sagen, kein Problem. Wir sind ja schließlich seit über 20 Jahren befreundet, aber sag niemand Anderem, dass Du mit Bus und Bahn zu Kunden fährst; v.a. nicht den Kunden selbst. Wenn Du einem potenziellen Kunden sagst, dass Du gerade beispielsweise mit der Metro zum Meeting gekommen bist, dann kannst Du gerne die beste Agentur auf der Welt sein, Du wirst jedoch bei dem Kunden keinen Stich bekommen. Du kannst es Dir sofort abschminken, dass dieser Dein Kunde wird. Nichts dergleichen wird passieren.” Ich habe das anfänglich nicht verstanden, da ich mit einem logischen Ansatz versucht hatte, diese Aussage zu verstehen. Genau das war auch mein Problem, denn mit Logik kam ich hier nicht weiter. In weiterentwickelten Ländern wird das Auto zu Hause gelassen, um mithilfe eines gut ausgebauten ÖPNVs einerseits schneller zu sein und andererseits durch weniger Schadstoffproduktion, man die Umwelt weniger belastet. In Istanbul fährt man Auto, steht stundenlang im Stau, aber egal. Man hat ein Auto und benutzt es. Wenn man mit dem PKW bis zum Kunden in den Meetingraum fahren könnte, kannst Du Dir sicher sein, dass man bis in den Raum fahren würde. Ich habe mich nie an diese Situation gewöhnen können, aber die Menschen in Istanbul ticken halt anders. In Großstädten Europas fahren viele Menschen mit öffentlichen Verkehrsmitteln, sei es beruflich, privat, als Bänker im Nadelstreifenanzug, oder als Papa mit Kind und Manduca.

12. Nachhaltigkeit

Neben verschiedensten Formen der Mobilität, v.a. auf Strombasis, ist diese Form des Lifestyles auf einen starken Nachhaltigkeitsgedanken zurückzuführen, der in Deutschland sehr ausgeprägt und momentan voll im Trend ist. Diesen Trend sieht man in der Politik, in der Wirtschaft und im gesellschaftlichen Zusammenleben. Schüler demonstrieren jeden Freitag als ein Teil der weltweiten Bewegung „Fridays for Future“ und gehen jede Woche für mehr Klimaschutz auf die Straße anstelle die Schulbank zu drücken.

E-Autos an Ladestation
E-Autos an Ladestation
E-Autos an Ladestation

Die deutsche Automobilindustrie, der Motor der deutschen Wirtschaft, ist mitten im Umbruch, um von Verbrennungsmotoren auf Elektroautos, in verschiedensten Varianten mit verschiedenen technologischen Ansätzen, umzustellen.

Die deutsche Politik, einige Parteien mehr, einige weniger, erkennt gegenwärtig, dass Nachhaltigkeit/Klima/Umwelt eines der wichtigsten Themen für die Bevölkerung darstellt. Vor allem für die jüngeren Generationen spielen diese Themen eine sehr wichtige Rolle, werden aber in allen Altersschichten diskutiert und als wichtig angesehen.

Das heutzutage Umwelt und in diesem Zusammenhang Nachhaltigkeit eine große Rolle spielt, sieht man auch bei unseren deutschen Kunden. Als ein deutscher Kunde beim Briefing meinte, dass Nachhaltigkeit und Umweltschutz ein wichtiger Bestandteil von deren Marketingstrategie sei, waren wir erstmal verdutzt und wussten nicht wirklich wie wir dieses in unsere SEA Kampagnen z.B. einbauen sollten. Nachhaltigkeit und Umweltschutz ist in Deutschland sowohl für Firmen als auch für Konsumenten das Thema überhaupt wohingegen in der Türkei die Menschen weniger Wert darauf legen (wie bei dem Thema ÖPNV und Auto bereits erwähnt).

Marketing in der Türkei wird hauptsächlich auf Basis von Rabatt, Sonderaktionen usw. durchgeführt, Kreativität und aktuelle Geschehnisse spielen da eher eine untergeordnete Rolle.

In Deutschland gibt es immer mehr Firmen, die vermehrt auf ökologische Nachhaltigkeit setzen. Vielleicht wäre es zu weit hergeholt gegenwärtig von einem Paradigmenwechsel zu reden, jedoch gibt es Stück für Stück Unternehmen, die ihren ganz eigenen Ansatz haben, um einen positiven Beitrag für Nachhaltigkeit und Klimaschutz zu leisten. Ich habe letztens einen interessanten Artikel gelesen, bei der ein Berliner Unternehmen seinen Mitarbeitern drei Tage Extra-Urlaub bei Verzicht auf Flugreisen innerhalb eines Jahres gibt und somit klimaschonende Reiseformen und -ziele fördert. In Istanbul habe ich so etwas in meinen 12 Jahren im Business noch nicht gehört.

13. Remote Arbeiten

Neben der Arbeit im Büro arbeite ich in Berlin und Istanbul auch Remote. Wenn ich nicht wirklich alleine sein möchte und in diesem Zusammenhang die eigenen vier Wände, um vollste Konzentration zu haben und gar nicht abgelenkt zu werden, vorziehe, gibt es in beiden Städten eine Vielzahl von Möglichkeiten auch von öffentlichen Bereichen zu arbeiten. Obwohl Istanbul um ein vieles größer als Berlin ist, sind gefühlt weniger Menschen „Remoter“.

Remote Working
Remote Working
Remote Work

Wir haben schon vor Jahren damit angefangen Mitarbeitern die Möglichkeiten zu geben von anderen Orten zu arbeiten, um eine Abwechslung in den täglichen Arbeitsalltag zu bekommen, mit dem Ziel neben dem täglichen Arbeitsflow sich auch auf Tasks bzw. Projekte zu konzentrieren, für die man im Büro nicht wirklich viel Zeit findet. Obwohl der digitale Sektor eigentlich mehr am Puls der Zeit ist‚ gibt es in unserem Sektor wirklich nicht viele Unternehmen in Istanbul, deren Mitarbeiter regelmäßig remote arbeiten. Den leitenden Angestellten dieser Unternehmen fehlt es leider am nötigen Vertrauen in ihr eigenes Personal. Es wird sehr oft davon ausgegangen, dass die Mitarbeiter, wenn sie nicht im Büro sind, von woanders erst recht nicht arbeiten. Bei uns im Unternehmen vertrauen wir uns gegenseitig und auf dieser Vertrauensbasis ist es für uns ganz normal, wenn man physisch nicht beieinander ist. Sei es in Deutschland oder in der Türkei, momentan arbeiten alle bei Kubix Digital an 2 Tagen in der Woche Remote. Vor allem unsere Kolleginnen und Kollegen, die am Standort Istanbul sind, können, basierend auf unserer Firmenphilosophie, dem täglichen Verkehrschaos in Istanbul, zumindest an zwei Tagen in der Woche, entfliehen. Das macht wirklich viel aus, es wird geschätzt und das Team ist glücklicher und effizienter und nebenbei leisten auch wir als Unternehmen einen eigenen Beitrag, um dem globalen Klimawandel wenigstens ein bisschen etwas entgegenzusetzen.

14. Die richtigen Mitarbeiter – Soft und Hard Skills

Wie schon gerade angerissen, ist Vertrauen auch in der Berufswelt ein wichtiges Kriterium. Wenn das Vertrauen da ist, verläuft die interne Kommunikation reibungsloser und die Harmonie im Team ist auf einem hohen Niveau. Wie schafft man es Mitstreiter zu finden, die auf derselben Wellenlänge sind? Ist es Glück? Fallen einem diese Mitarbeiter in den Schoß? Weit gefehlt. Dahinter stecken viel Arbeit und viel Auslese. Um dies genau zu erörtern, bedarf es einen Einblick in das Schulwesen der Türkei. Du fragst Dich jetzt sicherlich, was hat denn das Schulwesen bitte mit Mitarbeitervertrauen zu tun? Ich zeig’s Dir:

In der Türkei gibt es viele junge Menschen, die in das digitale Marketing einsteigen wollen, da sie mit Abschluss eines Studiums, nicht den Beruf ausüben wollen, welches sie eigentlich studiert haben. Woher kommt das? Ganz einfache Erklärung. Wer in der Türkei welche Studiengänge besucht hängt in den meisten Fällen davon ab, welchen Noten- bzw. Punkte Durchschnitt der Studienanwärter bei den Aufnahmetests für die einzelnen Universitäten und Studiengänge bekommt. Jedes Jahr absolvieren Tausende das türkische Gymnasium und genau diese tausenden Schüler nehmen im ganzen Land gleichzeitig an Aufnahmeprüfungen teil, die verschiedenste Sachgebiete von Mathematik, Geschichte, Naturwissenschaften etc. abdecken. Sobald die Ergebnisse der Prüfungen feststehen und die Punkte ermittelt worden sind, werden dem Schüler Optionen genannt, welchen Studiengang sie wo studieren dürfen. Das bedeutet, dass viele Studierende gar nicht das studieren, was sie eigentlich studieren möchten und es spätestens am Ende des Studiums klar ist, dass sie nie das Ausüben werden, was sie studiert haben. In dieser Situation denken dann viele ganz pragmatisch. Ich bin jung, ich verbringe viel Zeit online und in den Sozialen Medien, also kann ich ja auch im Online Marketing arbeiten. Genau das ist bei den meisten jungen Leuten der Status Quo. Das führt leider dazu, dass es auf Stellenausschreibungen viele junge Leute gibt, eigentlich fast alle, die als Quereinsteiger, ihr Glück versuchen.

Digital Marketing Visualization
Digital Marketing Visualization
Digital Marketing Visualization

Würde bei unseren Stellenausschreibungen der Studiengang ein Ausschlusskriterium sein, dann dürften wir eigentlich niemanden zu den Bewerbungsinterviews einladen, da kein Kandidat, das Profil besitzt ein ‚Digital Marketer‘ zu werden. Aus diesem Grund konzentrieren wir uns in der Türkei bei Bewerbungen auf interessante Inhalte, Bewerbungsprofile, die herausstechen, wie zum Beispiel internationale Erfahrung, sei es in Form von Praktika oder Auslandssemester, oder interessante ehrenamtliche Tätigkeiten bzw. interessante Hobbys, oder andere Kriterien, die wirklich anders sind und sich von der Masse abheben. Wenn ein Bewerber diese Hürde, es gibt natürlich auch ein paar andere, überspringt und zum Bewerbungsgespräch eingeladen wird, spielen zwischenmenschlichen Beziehungen auch eine wichtige Rolle: Ist man auf derselben Frequenz, stimmt die Chemie, würde diese Person gut ins Team passen, wie sieht es aus mit Teamfähigkeit, ist er oder sie ehrlich, kann man dem Bewerber vertrauen. Somit sind Soft Skills ein wichtiges Kriterium, die ein Bewerbungsgespräch maßgeblich beeinflussen. Basierend auf Interviews, die wir in den letzten Jahren zahlreich geführt hatten, kann ich nur sagen, dass von 100 Bewerbungen auf eine unserer Stellenanzeigen es im Schnitt nur max. 3 Bewerber zu den On-Site Interviews schaffen und von uns zu einem persönlichen Gespräch eingeladen werden. Von diesen drei Bewerbern schafft es im Endeffekt nur eine halbe Person, die dann die Zusage von uns bekommt und ein Teil unseres Unternehmens sein darf. Da es im realen Leben jedoch keine halben Personen gibt, eher halbe Sachen, brauchen wir ungefähr 200 Bewerber, um zwischen denen eine richtige Person zu finden, die uns und unseren Vorstellungen auf lange Sicht entspricht. Basierend auf diesen Statistiken kann man sich ausmalen, dass es bei uns in der Türkei schwierig ist, die richtigen Leute zu finden. Das ist wirklich kein Zuckerschlecken.

So, jetzt hat man zwar jemanden gefunden, der zwar vom Menschlichen her passt, jedoch bringt diese Person nicht so wirklich viel Fachwissen mit, was dazu führt, dass man dem Neuanfänger alles beibringen muss. Diese Person beginnt sozusagen als Trainee und lernt das meiste im Job und bekommt von uns dafür den nötigen Wissenstransfer und jegliche Unterstützung. Es dauert mindestens sechs bis neun Monate bis wir als Unternehmen von dem neuen Mitarbeiter ein ROI bekommen. Frühestens nach dieser Zeit entlastet er uns und kann zu einem geringen Anteil autark arbeiten. Bis dahin investiert das Unternehmen viel Zeit, Geld und Geduld, damit ein Minimum-Level an Know-how erreicht wird.

In Deutschland spielen die Soft Skills nicht so eine erhebliche Rolle, wie es in der Türkei der Fall ist, da man bei Bewerbern auch auf vorhanden Hard Skills zurückgreifen kann, sodass Soft und Hard Skills gleichzeitig als Bewertungsgrundlage dienen. Im Rahmen der Berufs- und Hochschulausbildung bringt der Bewerber zumindest eine nötige Grundqualifikation mit, auf die dann aufgebaut werden kann. Natürlich gibt es auch hier Quereinsteiger, aber man kann auch auf Bewerber zurückgreifen, die in ihrer Ausbildung etwas gelernt bzw. gemacht haben, die Deinem Jobinserat entspricht und dem Unternehmen tatkräftig unter die Arme greifen kann und nicht erst nach sechs bis neun Monaten, sondern im Idealfall ab dem 1. Tag an dem der neue Mitarbeiter anfängt.

Mit dem Vergleich zwischen Deutschland und der Türkei möchte ich noch kurz einen weiteren Denkansatz bezüglich Bewerbungsgespräche und Kandidaten einbringen. Wie schon oben geschildert, schaut man im Einstellungsprozess als Arbeitgeber meistens darauf, wer welche Schulen bzw. Universitäten besucht hat und welche Jobs er oder sie in der Vergangenheit hatte. Denn der bisherige Erfolg kann ein Indikator für zukünftige Erfolge sein. Aber ist es das immer? Es gibt viele Menschen, die durch Glück erfolgreich wurden. Vielleicht sind diese Studenten wegen ihrer Eltern nach Oxford oder Harvard gekommen oder haben in der Schweiz ein Elite-Internat besuchen können. Und was ist mit jungen Menschen, die nicht die Möglichkeit hatten, einen sich super zu lesenden Lebenslauf aufzubauen? Sind diese Menschen wertlos? Haben sie kein Potenzial? Nein, natürlich nicht. Deshalb ist in sehr vielen Fällen der Charakter ein viel besseres Maß, um Kandidaten besser einzuschätzen. Denn langfristig ist der Charakter maßgeblich daran beteiligt, ob man in Zukunft mit einem Mitarbeiter eher Kopfschmerzen bekommt, oder sorgenfreier arbeiten kann. Trotz alledem würde es uns in der Türkei wirklich weiterhelfen, wenn man mehr qualifizierte Absolventen hätte, die neben ihren Soft Skills auch Know-how mitbringen könnten.

In Deutschland haben Studierende seit Jahren die Möglichkeit im Bereich Neue Medien, Kommunikation, Kommunikationswissenschaften, Informationswissenschaften und weitere relevante Studiengänge, sei es auf Universitäten oder Fachhochschulen zu absolvieren. Neben Studiengängen mit Abschlüssen in beispielsweise Bachelor, Master und Diplom, gibt es auch duale Studiengänge, bei denen Studierende die Möglichkeit haben eine praxisbezogene Ausbildung zu bekommen, also der Praxisanteil fest in das Studium integriert ist. In der Türkei gibt es erst neuerdings diverse Studiengänge die partiell Lernstoff anbieten, die Studierende für einen Job im digitalen Marketing vorbereiten.

Des weiteren gibt es in Deutschland auch die Möglichkeit, Zertifikate zu erhalten. Der Bundesverband Digitale Wirtschaft (BVDW) e.V. vergibt bereits seit vielen Jahren Zertifikate an Agenturen und Dienstleistern in verschiedenen Disziplinen des digitalen Marketings. Aktuell weitet der Branchenverband das Angebot nun auch auf Fachkräfte aus dem Bereich Suchmaschinenoptimierung (SEO) aus. Mit dem SEO-Trainee-Fachkräftezertifikat wird somit bescheinigt, dass der Teilnehmer das professionelle Know-How auf dem Niveau eines erfolgreichen abgeschlossenen Traineeships absolviert hat. Diesen Absolventen wird somit bescheinigt, dass durch den erfolgreichen Prüfungsabschluss das Ausbildungsniveau eines SEO-Junior-Managers nachgewiesen wird, sodass dieser sich gegenüber Kunden und Auftraggebern genauso präsentieren darf.

Basierend auf all diesen Begebenheiten kann man es vielleicht besser nachvollziehen, warum wir als Unternehmen Schwierigkeiten haben, qualifizierte Mitarbeiter in Istanbul zu finden und zu wachsen. Die, die wir haben, wurden von uns, so gut es geht, ausgewählt und während ihrer Zeit bei uns ausgebildet und gefördert. Jedoch ist dieser Prozess sehr mühsam und bedarf viel Zeit, Geduld und Engagement. In Berlin haben wir die Möglichkeit auf ein Bewerberpool zurückzugreifen, welches uns verschiedenste Alternativen bieten kann, maßgeschneidert auf unsere Bedürfnisse. Man kann projektbezogen Mitarbeiter in Form von Werkstudenten, Praktikanten, Trainees einstellen. Wenn man aber auf längere Sicht Mitarbeiter braucht, kann man natürlich auch diese fest einstellen. Es besteht die Möglichkeit, jemanden in Halbzeit bzw. in Vollzeit einzustellen. Auch die Tatsache, dass viele schon sehr früh in einem Nebenjob tätig sind, auch wenn das nur Zeitung austragen ist oder beim Bäcker arbeiten, bringt eine andere Arbeitseinstellung mit als bei den jungen Leuten in der Türkei, die nach dem Studium das allererste Mal arbeiten und bis dato alles von den Eltern finanziert bekommen haben.

15. Welcome to the Jungle

Beide Städte haben ihre ganz eigenen Vor- und Nachteile und es gibt viele weitere Gegensätze und natürlich auch Gemeinsamkeiten, wie das Leben in Deutschland und der Türkei, v.a. das Leben in den größten Städten dieser beiden Länder tickt. In diesem Blog habe ich ausschließlich persönliche Situationen, Erfahrungen und Gedanken widergespiegelt, basierend auf langjährigen Beobachtungen, Geschehnisse und das Leben in beiden Ländern. Letztlich möchte ich mit folgendem Gedanken abschließen: Berlin und Istanbul sind lebenswerte Städte und ich schätze mich sehr glücklich ein Teil beider Metropolen zu sein.

Obwohl laut aktueller Studien vom Institute for Economics and Peace (IEP) die Türkei im „Global Peace Index 2018“ von 163 verglichenen Weltstaaten leider nur den 152. Platz belegt, ist laut des aktuellen Index für 2019 die Welt erstmals seit fünf Jahren wieder friedlicher und somit lebenswerter geworden. Da die Hoffnung wie immer zuletzt stirbt, bleibt weiterhin immer noch Hoffnung, dass sich das Leben in der Türkei in der Zukunft zum besseren wandelt wird.

Global Peace Index
Global Peace Index
Global Peace Index Visualization, Source: www.visionofhumanity.org

Für uns als Agentur und unseren zukünftigen Werdegang hoffe ich, dass wir mit unserem deutschen Standbein eine ähnliche Erfolgsstory haben werden, wie im Fall unserer türkischen Firma. Obwohl wir in der Türkei mit vielen Handicaps kämpfen mussten, gegenwärtig mit einer schwachen Wirtschaft, einer schwachen türkischen Währung und einer hohen Arbeitslosigkeit zu tun haben und all diese Faktoren sich eher negativ auf unsere wirtschaftlichen Unternehmungen innerhalb des türkischen Binnenmarktes auswirken, bin ich trotz allem voller Hoffnung, dass wir auch diesmal, so wie in den letzten zwölf Jahren das Ruder herumreißen werden. Eines was wir definitiv in der Türkei, speziell in Istanbul, gelernt haben, ist die Tatsache, dass wir als Unternehmen wirklich Überlebenskünstler sind. Wir gehören nicht zu den großen Agenturen unserer Branche. Wir sind eine kleine Agentur, die sich den lokalen Gegebenheiten so gut es geht, angepasst hat und auch in Zukunft anpassen wird.

Noch ein kleiner evolutionstheoretischer Gedanke mit auf den Weg:

Verglichen zu den Dinosauriern waren es eher die kleinen Insekten, die einen Meteoriteneinschlag vor 65 Millionen Jahren überlebt hatten und heute ein wesentlicher Bestandteil der Fauna unserer Erde sind.

Safak
25 Juli 2019

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